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Schlagwort Schlagzeile Stigma

500.000 Deutsche sind onlinesüchtig.

„Oh mein Gott, irgend so was hab ich schon immer geahnt!“

„WTF, die haben mit ihrer Studie doch nicht alle Latten am Zaun!“

„Wen interessiert das schon, ich sehe eh nur TV.“

Ein Gespenst geht um in Deutschland. Das Gespenst der Onlinesucht. Dem wissenschaftlichen Versuch der Eruierung von Zusammenhängen zwischen der aktuellen Onlinenutzung und der Möglichkeit von Suchtverhalten bei 14 – 64 Jährigen wurde medial das weiße Hui-Buh-Gewand übergeworfen und als Angst schürender Geist auf das Volk losgelassen.

Wie zu erwarten springen die Medien dankend auf diese Schlagzeile auf und geben kaum oder nur abstruse Erklärungen dazu ab. Recherche war gestern. Heute zählt die schnelle Schlagzeile, BILD lässt grüßen. Der Spiegel zitiert den ‚Suchtforscher Reimer‘ sogar damit, dass im Gegensatz zum stumpfen Fernsehen gerade die Online-Suche nach sozialen Kontakten als suchtgefährdend und sozial bedenklich einzuschätzen ist. Oh mein Gott!

Lediglich die ‚taz’ hebt sich aus der Masse hervor und hinterfragt und beschreibt Online- und Offline-Analogien.

Dieser Boulevard-Journalismus stinkt mir gewaltig.

Nicht, weil ich eine gegenteilige Studie in den Händen halte. Nicht, weil ich mich wegen meiner eigenen und intensiven Onlinenutzung als gefährdet sehe. Auch nicht, weil schon wieder auf das Internet eingeprügelt wird.

Es stinkt mir gewaltig, weil dem deutschen Qualitätsjournalismus wieder mal misslingt, ein Thema hintergründig zu bearbeiten und konstruktiv zu hinterfragen. Weil sich die Medien erneut zum Handlanger platter Angstdoktrinäre aus Politik, Wirtschaft und sogenannten Expertenkreisen machen.

Internet_drugstore

Ich stelle die Wissenschaftlichkeit der Studie keineswegs in Abrede. Aber in welchem gesellschaftlichem Kontext steht sie, welche fundierten Maßstäbe definieren die verwendeten Termini und wo finden sich fachlich neutrale Auswertungen und Ursachenforschung?

Einerseits werden Begriffe wie die der ‚Sucht’ oder des ‚Abhängigkeitssyndroms’ aufgrund  der Gefahr ihrer stigmatisierenden Wirkung immer wieder diskutiert. Andererseits darf aber auch hinterfragt werden, ob es die ‚Onlinesucht’ als solche überhaupt gibt.

Lassen wir das alles aber außen vor – was bewirkt diese Schlagzeile und welche Fragen werden ausgeblendet?

Drogensucht ist schlimm – Drogen sind also schlecht.

Alkoholabhängigkeit ist schlimm – Alkohol ist also auch irgendwie nicht gut und wird für Kinder und Jugendliche oder in Straßenverkehr und Beruf strikt reglementiert.

Wer unreflektiert Onlinesucht als Negativum beschreibt, der nimmt billigend in Kauf, dass daraus dem Medium Internet ein ebensolcher Makel angehaftet wird.

Nicht nur ‚Onlinebetrug’, ‚Cybermobbing’ und ‚Kinderpornografie’ – jetzt auch noch ‚Onlinesucht’ als Schlagwort, mit dem unsere Massenmedien ein Phänomen plakatieren, dass schon lange in weiten Teilen der Gesellschaft zum informativen und oft konstruktiv/interaktiven Alltag gehört.

Sofort stehen auch wieder die Mahner auf dem Platz, die Kindern jegliche Internetnutzung verbieten wollen oder schärfere Altersreglementierungen für Onlineinhalte fordern.

Zur Erinnerung: Die Studie kommuniziert unter Punkt 8, dass aufgrund der kurzen Projektlaufzeit noch keine Publikumsaktivität möglich war und ebenso wissenschaftliche Diskussionen dazu noch ausstehen. Dennoch sind sich die Medien und manch Politiker nicht zu schade, uns diese Schlagzeile vor die Füße zu brechen.

Problematisch wird der Umgang mit dem Thema, wenn wir uns in den Tabellen 4 und 9 ansehen, was so ‚exzessiv’ im Internet praktiziert wird – vorrangig die Nutzung Sozialer Netzwerke.

Tab4Tab9

Die wundervolle Maren Würfel hat unlängst in einer Fachtagung an der Uni Erfurt in einem Referat dargestellt, in wie vielen Aktivitäten gerade jugendliche Online-Nutzer den Social-Community-Aspekt erfahren, nicht nur bei Facebook und in den VZ-Netzwerken. Auch Bei Myspace, den Bewertungs-Communities bei LastFM, Amazon oder Ebay, auch in Online-Rollenspielen stehen Kommunikation, Anerkennung, Teilhabe und Produktion von Meinungen und Inhalten im Blickfeld.

Nicht unerwähnt darf dabei bleiben, dass das ‚Finden von Freunden’ in all diesen Netzwerken gerade für Jugendliche ein äußerst wichtiger Teil ihres Sozialisierungsprozesses ist, für Anerkennung, Zugehörigkeit zu sozialen Gruppen, Selbstbestimmung und Selbstfindung. ‚Freunde’ innerhalb der Communities sind der ‚Schatz’ der jugendlichen Persönlichkeit. Und dieser Schatz muss eben auch gepflegt werden.

Noch vor hundert Jahren war die Großfamilie Usus. Individualisierung bis hin zur Vereinsamung war damals kein Thema, weder für unsere Kinder noch für unsere Großeltern. Ich erinnere mich an Zeiten, wo es sich Familien leisten konnten, dass ein Elternteil alleine für den Unterhalt sorgte, wo Arbeit und Schule vor Ort waren und der andere Elternteil Zeit für die Erziehung des Nachwuchses hatte. Arbeit und Familie, Karriere und Kinderwunsch waren schon mal leichter vereinbar als heute.

Immer stärker wurden gerade die Jüngsten einer institutionellen Betreuung übergeben, Eltern haben immer weniger Zeit und manchmal auch immer weniger Kompetenz, sich ihren Kindern zu widmen und Arbeits- und Schulwege fressen zunehmend unser Zeitbudget. Wir lassen unsere Kinder immer mehr allein, überlassen sie sich selbst.

Plötzlich entwickelte sich ein Medium Internet zu einer immer interaktiveren, bezahlbaren und vielfältigen Möglichkeit, die Defizite unserer gesellschaftlichen Entwicklung ein Stück weit zu kompensieren und neue Formen der Teilhabe zu generieren. Informationen via Google und Wikipedia, Kommunikation von Schülern und Lehrern via Facebook, die lokalen und entfernten Freunde, der Sohn in Australien – erreichbar durch Soziale Netzwerke, mediale Teilhabe jenseits regionaler oder finanzieller Beschränkungen, Empfehlungs- und Recherchefilter in Communities, ohne selbst jedes Mal ‚das Rad neu erfinden’ zu müssen, politische Teilhabe, Aktivitäten für Demokratie und Toleranz, das Produzieren und Konsumieren eigener Inhalte ohne Abhängigkeit von der Medienindustrie – das alles ist mittlerweile Alltag vieler Menschen weltweit.

Natürlich kann man alles auch übertreiben. Natürlich werden Menschen mit psychosozialer Disposition auch online Probleme im Maßhalten haben, gegebenenfalls Abhängigkeiten entwickeln und natürlich wird Vereinsamung nicht weniger, wenn ich vor einem Rechner oder Tablet sitze. Das zu bewerten gelingt aber nur in der situativen Einzelbetrachtung.

Natürlich ist eine wissenschaftliche Studie zum Umgang und den Gefahren der Onlinenutzung legitim.

Aber lasst uns darüber offline und online diskutieren, was unsere Gesellschaft und uns heute, hier und jetzt ausmacht. Das Internet ordnet sich da schon entsprechend ein, keine Sorge. Lasst uns dabei kritisch hinterfragen, welche Gesellschaft wir wollen und wo und wie wir uns daran beteiligen. Für die Vielfalt, gegen Stigmatisierungen.

Man muss kein Prophet sein, eine weiter wachsende Online-Nutzung in den kommenden Jahren vorher zu sagen.

Ich bin manchmal süchtig nach Leben und zu meinem Leben gehört das Internet auch dazu. Darin kann ich nichts Verwerfliches entdecken.

Und liebe Medien: Verleitet die Menschen bitte nicht durch Lesen eurer oberflächlichen Online-Artikel, noch mehr Zeit sinnlos im Internet zu verbringen!

Foto: Flickr: nicolasnova unter CC-Lizenz BY

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