Ein Kommentar

Menschen!

Ich gehöre nicht zur Gruppe der „Digital Natives“. Das hat wohl mit meinem Alter zu tun, aber nicht zuletzt auch mit meiner prinzipiellen Einstellung dazu. Ich halte mich für durchschnittlich vernetzt und aktuell informiert und interessiert.

Beruflich, „was mit Medien“ und vor allem mit jungen Menschen, beobachte ich auch privat interessiert über Publikationen, Twitter, Facebook und Blogs, wie sich Anspruch und Wirklichkeit zu Internet, Datenschutz, Medienkompetenz, Technik…  um mich herum entwickeln.

Ich bin kein Technikverweigerer. Nach ersten Erfahrungen am C64 konnte ich einige Produkte mit dem Apfel-Logo begeistert mein Eigen nennen. Ich erinnere mich noch in Wellen warmer Wehmütigkeit an meinen ersten All-in-One Mac, einen Performa 5200.

Sozusagen der Urgroßvater des heutigen iPads.

Damals waren Apfelcomputer noch attraktiver als die Anderen mit dem Fenster-Logo, sie konnten das was sie konnten einfach schneller, intuitiver, stabiler, waren trotz ihres eigenen OS offen und kosteten kaum mehr als andere Rechner.

Exit

Die Zeiten haben sich geändert. Heute sind Technik und Internet dank rasanter Entwicklung  nicht mehr wegzudenkende Teile der Kommunikation, Information und Innovation, des ganzen Lebens. Vorbei die Zeit der Nostalgie des „drin seins“, heute zählen knallharte Fakten,  (Vorrats)Datenspeicherung, Mobilität, Vernetzung oder Cloud-Computing und natürlich Umsatz und Informationsmacht. Immer stärker werden Fragen nach einem vernünftigen Maß an Medienkompetenz der Nutzer gestellt und diskutiert, verbindliche und umsetzbare Antworten sind aber bisher nicht wirklich in Sicht.

Letztlich kulminieren diese Fragen dann im zentralen Konflikt von Freiheit vs. Sicherheit.

Es gibt aber keine absolute Freiheit, genauso wenig wie absolute Sicherheit. Die Wahrheit liegt irgendwo dazwischen und dazwischen stehen auch alle Menschen mit ihren unterschiedlichen Blickwinkeln und Ansprüchen. Und dort liegen wohl die Probleme.

Was in den letzten Jahren im Bereich digitalen Lebens passiert ist, hat das Potential, die Gräben in der Gesellschaft zu vertiefen. Ich will hier nicht Partizipation und Kommunikation wachsender Demokratiebestrebungen wie z.B. im Iran oder bei den europäischen Studentenprotesten diskreditieren! Zwei Post der letzten Zeit haben mich aber wegen ihrer Gegensätze nachdenklich gemacht.

Einerseits dieser Tweet

Behinderung

und anderseits dieser Blogpost.

Handy

Wenn über digitale Themen im Netz, dem TV oder bei Konferenzen diskutiert wird, passiert meist folgendes:

  1. Digitale Frontliner treffen auf analoge Hardliner und reden i.d.R. aneinander vorbei.
  2. Infolge der scheinbar fehlenden Gemeinsamkeiten und Verbindlichkeiten ist das jedes Mal die Stunde der Lobbyisten und Populisten samt ihrer Begehrlichkeiten. Die Content-Industrie will die Alleinherrschaft über die Vermarktung aller Inhalte, die Politik maximale (Schein-)Sicherheit, die Datenlobby unendliche Speicherung aller Daten derer sie habhaft werden kann, die Kommerz-Maschine den gläsernen Verbraucher für maximalen Profit und einige Netzaktivisten unbegrenzte Freiheit für unbegrenztes Ausleben der Individualität, immer und überall.

Und was sagt die Masse der Menschen, die sich nicht in Digitalien beheimatet fühlt? „Lasst mich doch mit dem ganzen Scheiß in Ruhe!“

Dabei sind es doch gerade diese Menschen in ihrem Zusammenleben, die das verbindende Element, den kleinsten gemeinsamen Nenner darstellen. Und wir Menschen sind zu recht sehr unterschiedlich.

  1. Warum sollte man uns auf  „analog“ oder „digital“ reduzieren?
  2. Warum sollte jemand ohne Smartphone „behindert“ sein? Abgesehen davon, dass Behinderungen sich meist nicht aus dem betroffenen Individuum heraus, sondern aus der ihn umgebenden (behindernden) Gemeinschaft/Barrieren ergeben.
  3. Wäre es nicht wichtiger, z.B. die unkomplizierte Teilnahme an ePetitionen mit allen „analogen“ Bekannten, Kollegen und Freunden zu diskutieren, anstatt sie unter eh schon Informierten nur auf Twitter oder Facebook zu posten?
  4. Sind wirklich alle Jugendlichen „Digital Native“ oder auch wie der Praktikant aus einem vorigen Post?
  5. Gleichen Whiteboards und iPads die Defizite unseres föderalen Bildungssystems aus?
  6. Und und und ….

Es wird nicht ohne eine Lobby aus Internetjuristen, Datenschützern und Netzaktivisten gehen, damit die ferngesteuerte Politik uns nicht das Datenfell über die Ohren zieht. Eine zeitgemäße Medienpädagogik, wenn sie denn ausreichend finanziert wird, muss mit großer Manpower das Klientel dort auffangen, wo es steht und geduldig und ohne Hochmut nach dem individuellen Maß suchen. Manchmal sind auch schon aus unserer Sicht vermittelte Banalitäten ein Zugewinn für unerfahrene User, ihre Sicherheit im Netz und der Einstieg für mehr Neugier und Aktivität ihrerseits.

Vermutlich hat das weniger mit der Technik an sich, sondern den Eigenheiten von uns Menschen zu tun. Wer im Real-Life ein Idiot ist, der bleibt das auch im Netz und wer Statussymbole zur Selbstbestimmung benötigt, den machen Markenkleidung und iPad auch nicht besser. Nicht wenige Menschen haben (auch in diesem Land) wichtigere Probleme, als Internetzugang oder Twitter-Account – sie zu ignorieren, lässt Medienaktivismus schnell ins Leere laufen.

Deshalb müssen sich Medien(pädagogische) -Projekte und Aktionen stärker an Nutzen und Machbarkeit für bestimmte Zielgruppen orientieren, als an technischen Notwendigkeiten. Lieber ein Level tiefer, aber wirksam. Medienbildung muss auch immer Charakterbildung und Wertevermittlung sein und in allen Lebensbereichen ansetzen. Ich wünsche mir eine breit finanzierte Medienarbeit in unzähligen kleinen aber effektiven Aktionen überall, statt medienwirksame und oft teure Insel-Projekte ohne Nachhaltigkeit. All das sollte ressortübergreifend geschehen.

Es gibt schon einige tolle Projekte gerade im Jugendmedienbereich, häufig aber regional konzentriert. Mögen es deutlich mehr werden.

Wann gibt es endlich den öffentlichen Aufruf in den Tagesmedien, dass alle Kitas, Schulen, Vereine, Kommunen, Behörden und Politik zusammenarbeiten damit Kinder mit ihren Eltern und Großeltern gemeinsam und gegenseitig die Netzwelt erkunden lernen? Wer bräuchte dann noch das lähmende hin und her zu Jugendmedienschutzstaatsverträgen, Zensursula und ähnlichem?

Ich bin ein Individuum. Ich bin neugierig. Ich bin nicht nur Teil irgendeiner Zielgruppe und will mich nicht auf meine Daten reduzieren lassen. Genau das verbindet mich mit allen anderen.

Und vielleicht habe ich ja sogar irgendwann mal ein Smartphone. Später…

Foto: marfis75 unter CC-Lizenz

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Ein Kommentar zu “Menschen!

  1. ‎"Medien(pädagogische) -Projekte und Aktionen _stärker an Nutzen und Machbarkeit für bestimmte Zielgruppen orientieren_als an technischen Notwendigkeiten" so kann es gehen …

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