Ein Kommentar

Die Praktikanten Falle

Keine drei Wochen ist es her, als ein junger dynamischer Mensch bei uns erschien und um ein Praktikum anfragte. Nennen wir ihn Klaus.

Klaus stellte sich mir mit seinen 16 Jahren als technikaffiner Mensch vor, der in der Schule Interesse am IT-Unterrricht hat, oft im Netz ist, vielleicht etwas zuviel WoW spielt und gern 10 Wochen bei mir im Computerclub ein Praktikum absolvieren möchte.

Mein Herz schlug höher – mein erster Praktikant, der mich in meiner Arbeit unterstützen, vielleicht sogar vertreten könnte? Interessante Gespräche, Austausch zu Medienkompetenz, Jugendmedienschutz und sinnvollem Umgang mit den Medien? Neue Anregungen für uns beide und Einblicke in den Medienalltag eines Zielgruppen-Users von Web 2.0 und Co?

Succeed

Vielleicht hätte ich schon anfangs stutzig werden sollen, als er mich etwas herablassend fragte, „welchen Kram“ ich denn auf unseren PCs installiert hätte, gemeint war TuneUp, ein Wartungsprogramm, das unsere gebrauchten Rechner trotz Altersschwäche perfekt am laufen hält.

Die erste Aufgabe bekam Klaus von unserer Chefin in meiner Abwesenheit: Für eine Presseveröffentlichung ein Foto machen und 3 – 4 Zeilen Text dazu schreiben. Mit 16 Jahren kann man natürlich kein PR-Profi sein. Die Fotos – einfach „draufgehalten“, keine Motivwahl, größtenteils unscharf und schlecht belichtet. Er so: „Das liegt an der Kamera, da macht ja mein Handy bessere Fotos.“ Also kleinen Exkurs eingeschoben zu Bildbearbeitung und Fotografie…

Sein Text war nur wenig besser, „Texte schreiben ist nicht so mein Ding…“. Ok, kleiner Exkurs zu Pressetexten, kurz knackig, aussagefähig, interessant, blabla… Ich so: „Stell dir einfach vor, was es für dich interessant machen würde, diesen Text in einer Zeitung zu lesen.“

Die Tage vergingen, Klaus zeigte Stärken, unseren Besucherkids die Nutzung der installierten LAN-Spiele zu erklären – ich entspannte mich wieder. Er brachte seinen Laptop mit, zeigte mir ein kleines selbstgeschriebenes Programm, das 6 Lottozahlen generieren kann  – schön und gut. Blöd nur, dass sein Laptop nach einiger Zeit immer abstürzte und dabei so heiß wurde, als wäre er ein Sandwichmaker.

Also Vermittlung praktischer Hardwarekenntnisse…

„Wie heiß wird denn dein Laptop?“

Er so: „Keine Ahnung.“

„Wieso hast du soviele Startprogramme, die belasten deinen Rechner doch. Warum startest du sie nicht individuell nach Bedarf?“ (ca. 20 Taskleisten-Items)

Klaus: „Die brauche ich alle, ist doch praktisch so.“

Ich: „Wollen wir mal mit ‚meinem Kram‘ deinen Rechner checken und etwas aufräumen?“

Klaus: „Hmm… Meinetwegen.“

Was dann folgte ließ mich etwas vom Glauben abfallen, brachte aber unterschiedliche Erkenntnisse für uns beide.

Die CPU seines Laptops wurde bereits im Leerlauf 101° !!! heiß (via Everest home), Rechner eingestellt, aufgeräumt, alle unnötigen Startprogramme gekillt und festgestellt, dass infolge fehlender Gummifüsse am Boden, der Laptop-Lüfter zwangsläufig an Atemnot leiden musste.

Der Hammer war aber, dass mich sein Rechner anflehte, endlich mal die heruntergeladenen Updates installieren zu dürfen – mehr als hundert Betriebssystem-Updates, Adobe, Java….

Als ich ihn während der folgenden vier Update-Stunden und unzähligen Neustarts fragte, weshalb er denn wichtige (Sicherheits-) Updates nicht installieren würde, dies müsse er doch in IT schon mal gehört haben, bekam ich zur Antwort: „Hmm, das war eigentlich nie Thema im Unterricht. Außerdem bin ich zu faul zum neustarten, ich klappe meinen Rechner immer nur zu. Ich wusste auch nicht so genau, wo ich das mit den Microsoft-Updates im Menü finde.“

Für einen kurzen Moment war ich etwas sprachlos und fühlte, wie Teile meines Haupthaares ergrauten…

Klaus hat einiges gelernt in den letzten Tagen bei uns.

Ich auch.

Klaus ist keiner der ipadverliebten Nerds sondern ein ganz normaler Jugendlicher. Vielleicht ist er nicht stellvertretend für die Masse unserer Menschen, aber immerhin ein Symptom unserer Zeit – ohne ein sinnvolles Mindestmaß an Kompetenz wirft er sich in die Welt der Bits und Bytes, immer nach dem Prinzip Hoffnung. Was nützt so ein IT-Unterricht, wenn man zwar etwas Programmcode schreiben lernt, aber noch nicht mal das dafür nötige Werkzeug, seinen Rechner, etwas verstehen lernt?

Seine Filme über Plattformen wie kino.to ziehen zu können, sich nächtlang auf WoW zu tummeln und Handyfotos zu machen hat rein gar  nichts mit Medienkompetenz gemein. Gefährliches Halb- oder Unwissen, gepaart mit jugendlicher Selbstüberschätzung.

Es gibt reichlich zu tun für uns. Aber so ein Praktikum wird dafür nicht ausreichend sein. Hier sind nicht nur schulische und außerschulische Bildung oder die Politik gefragt.

Hier geht es darum, Menschen da abzuholen, wo sie stehen und umfassend (lebens-)kompetent und (lebens-)kritisch zu machen. Wenn dann noch eine Prise IT-Wissen dazugefügt wird, klappt es auch im Umgang mit der Technik.

In dem Maß, das für jeden individuell richtig ist.

PS: Der Laptop läuft auch wieder 🙂

Foto: Franz Patzig unter CC-Lizenz

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Ein Kommentar zu “Die Praktikanten Falle

  1. Freue mich immer über Besuche! :)Update Praktikantenfalle:Mein "IT-Praktikant" hat sich erneut peinlich geoutet. Er bekam von einem Freund einen USB-Stick mit irgendwelchen Spieldateien. Beim Einstecken sprang sofort sein korrekt installiertes Antiviren-Programm an und meldete Befall.Was macht man da so als "angehender IT-Profi"? Natürlich das Antiviren-Programm abschalten wegen der ‚lästigen‘ Meldung. O-Ton: "Ich wollte halt erstmal das Spiel ausprobieren"…Resultat: Sein von uns aufgeräumtes System ist dank massivem Virenbefall inzwischen Schrott, weil nicht mal ein Boot von einer Linux-AV-CD mehr den Virenbefall angehen kann.Klassischer Fall schmerzhaften Versuch-Irrtum-Lernens! ^^

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